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Predigt unseres Pastor Andreas Werther zum Reformationstag 2016

Reformationstagspredigt zu Römerbrief  3, 21-24

Jetzt geht es los, das Jahr des Reformationsjubiläums. Vor 499 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht. Aus seiner Kritik am Ablass entwickelte er eine völlig neue Theologie mit der Kernaussage aus dem Predigttext des heutigen Tages, dass der Mensch nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben gerechtfertigt ist. Doch lesen wir den ganzen Text:

21 Aber jetzt ist Gottes Gerechtigkeit offenbar geworden, und zwar unabhängig vom Gesetz.
Das bezeugen das Gesetz und die Propheten.
22 Es ist der Glaube an Jesus Christus, der uns die Gerechtigkeit Gottes zugänglich macht. Der Weg zu ihr steht allen Glaubenden offen. Denn in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied:
23 Alle sind schuldig geworden, und alle haben die Herrlichkeit Gottes verloren.
24 Sie verdanken es also allein seiner Gnade, dass sie von Gott als gerecht angenommen werden. Er schenkt es ihnen aufgrund der Erlösung, die sie durch ihre Zugehörigkeit zu Christus Jesus erfahren haben.
25 Durch dessen Blut, das am Kreuz vergossen wurde, hat Gott ihn als Zeichen der endgültigen Versöhnung eingesetzt. Und durch den Glauben erhalten wir Anteil daran. So hat Gott seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt.
Lange hat er die Verfehlungen ungestraft gelassen, die früher begangen wurden.
26 Gott hat sie in Geduld ertragen. Doch jetzt, zu diesem besonderen Zeitpunkt, will er beweisen, dass er wirklich gerecht ist. Ja, er ist gerecht. Und er nimmt diejenigen als gerecht an, die aus dem Glauben an Jesus leben.
27 Gibt es da noch irgendeinen Grund, auf etwas stolz zu sein? Ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Etwa durch das der eigenen Taten? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens!
28 Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens als gerecht gilt unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt.

Um diese Worte so zu verstehen, wie Luther und seine Zeitgenossen sie verstanden haben, sollten wir die Worte hören, wie sie Menschen im Gefängnis hören: Da ist Gesetz das, was sie unfrei macht, mit dem sie nicht klarkommen; Recht ist das, was sie hinter Gitter gebracht hat; Gnade kennen sie keine, Befreiung und Erlösung wäre aus dem Gefängnis herauszukommen.

Und Rechtfertigung? Die haben sie für sich selbst, sie sind der Meinung, dass es genug Gründe gab, etwas Ungesetzliches zu tun, vor sich selbst sind sie gerechtfertigt.

Genauso ging es damals auch Luther, abgesehen von der eigenen Rechtfertigung. Er wusste sich durch einen ungnädigen Gott bedroht und unfrei gemacht. Er wusste sich durch ein strenges Gesetz – selbst die 10 Gebote hält ja keiner von uns ein – gefangen und erniedrigt, weil er sah, dass er das Gesetz immer wieder brach.

An dieser Erkenntnis zerbrach er fast selbst, quälte sich selbst, um Gott davon abzubringen, ihn zu bestrafen.

Gott und die Kirche waren für ihn und die Menschen damals keine Hilfe, sondern Bedrohung. Machen wir uns nichts vor, das wurde auch ganz bewusst eingesetzt, um die Menschen gefügig und friedlich zu machen und Geld aus ihnen herauszuholen.

Und dann entdeckt er unseren Predigttext, den er sicher schon lange kannte, aber mit dem er sich intensiv beschäftigen musste, weil er darüber Vorlesung zu halten hatte. Und plötzlich liest er da: Allein durch den Glauben werden wir gerecht, weil Jesus Christus das Gesetz für uns erfüllt hat.

Was für eine Erkenntnis! Eine Befreiung, die ihm die Augen öffnete, dass Kirche da falsch handelt. Eine Erkenntnis, die ihm ein ganz neues Bild von Gott zeigte: nicht den bedrohlichen, den strafenden Gott, sondern den liebenden, den sich für uns Menschen selbst hingebenden Gott.

Das war schon eine Revolution im Glauben, die Luther da entdeckte und zur Reformation machte, also das Wort Gottes wieder in die richtige Form brachte.

Aber hat das alles noch mit uns zu tun? Natürlich, denn aus dieser Erkenntnis heraus leben wir noch heute. trotzdem finde ich es erstaunlich, wie hoch Reformationsjubiläum angehängt wird: ein ganzes Jubeljahr!

Wir müssen bei unserem Feiern aber zwei Dinge unbedingt beachten: Erstens bedeutet Glauben in diesem Zusammenhang nicht nur darauf vertrauen, dass Christus mich gerecht spricht, sondern es zu leben. Also wenn ich weiß, da ist einer, der mich annimmt, wie ich bin, dann sollte, nein, dann muss ich mich auch darum bemühen, ihm zu zeigen, dass ich es wert bin, indem ich meinen Glauben lebe, in Liebe lebe, vergebe, wie er es tut, anderen helfe, wie er es tat und an mir tut!

Es wird uns Lutheranern oft nachgesagt, wir bräuchten nichts zu tun, und den Katholiken sie lebten eine Werkgerechtigkeit. Beides ist falsch, denn richtig ist: Wer sich befreit weiß und angenommen, der handelt so, dass gute Werke dabei herauskommen. Luther hat es nur umgedreht: vorher versuchte er mit guten Werken Gott gnädig zu stimmen, jetzt weiß er, Gott ist gnädig, darum kann ich es auch sein und Gutes tun.

Und das zweite, was wir beachten müssen, ist, dass Reformation nichts war, was vor 500 Jahren geschah, sondern etwas, was weitergeht. Dieser Feiertag und dieses ganze Jubeljahr darf nicht ein stolzes Erinnern sein, sondern ein Nachdenken, was muss sich heute ändern? Und da gibt es genug, was zu ändern wäre! Eine Kirche, die bei Luther stehengeblieben ist, ist keine reformatorische Kirche mehr!

Ich hoffe und wünsche mir, dass dies Jahr, vor dem mir auch ein wenig graut, ein gutes wird. Eins, dass unserer Kirche und allen Kirchen aller Konfessionen hilft, sie zusammenbringt, sie näher zu Gott bringt, uns Gott näher bringt.

Warum graut mir vor diesem Jahr? Ganz einfach: Es ist jetzt schon so, dass Luther manchmal in einer Weise genutzt wird, die er nicht gewollt hätte. Kommt man in Wittenberg in die Schlosskirche, dann stehen da vorn neben dem Altar überlebensgroß Luther und Melanchthon. Aber den Kult um die Heiligen hatte Luther abgeschafft und nun wird er selbst wie ein Heiliger verehrt! mMge das nicht noch schlimmer werden, die kommenden 12 Monate!

Luther war auch nur ein Mensch und er hat ganz viele und schwere Fehler gemacht: sein Einstellung den Juden gegenüber oder auch zum Bauernkrieg sind zu hinterfragen und klar zu benennen. Und sie dürfen nicht abgetan werden mit der Bemerkung: Er war eben ein Kind seiner Zeit. Nein, wenn wir ihn heute noch verehren, dann ist er auch ein Kind unserer Zeit und auch kritisch zu betrachten.

Das Grundproblem aller Reformen und Reformatiosvsersuche heutzutage ist: Ich erwarte, dass sich die Umstände ändern, dass die anderen sich ändern. Wenn ich aber wirklich etwas ändern will, dann muss ich bei mir selber anfangen und darf nicht von den anderen erwarten, wozu ich selbst nicht bereit bin oder wozu mir der Mut fehlt.

So wünsche ich mir, unserer Kirche, uns allen, dass das nicht vergessen wird, dass wir nicht feiern und uns erinnern, sondern uns verändern. Denn das ist wirklich Reformation und das wird gebraucht Amen