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Predigt vom 29. Januar 2017

Predigt vom 29. Januar 2017 zu Mt 14, 22-33

Predigttext:

Jesus ließ die Jünger in das Boot steigen. Sie sollten an die andere Seite des Sees vorausfahren.
Er selbst wollte inzwischen die Volksmenge verabschieden. Nachdem er die Volksmenge verabschiedet hatte,
stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Als es dunkel wurde, war er immer noch alleine dort.
Das Boot war schon weit vom Land entfernt. Der Sturm machten ihm schwer zu schaffen, denn der Wind blies direkt von vorn und sie kamen in Not
Um die vierte Nachtwache kam Jesus zu den Jüngern. Er lief über den See. Als die Jünger ihn über den See laufen sahen, wurden sie von Furcht gepackt und riefen: “Da ist ein Gespenst!” Vor Angst schrien sie laut.
Aber Jesus sagte zu ihnen: “Erschreckt nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.”
Petrus antwortete Jesus: “Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über das Wasser zu dir zu kommen.”
Jesus sagte: “Komm!” Da stieg Petrus aus dem Boot, ging über das Wasser und kam zu Jesus. Aber auf einmal merkte er, wie stark der Sturm war und bekam Angst. Er begann zu sinken und schrie: “Herr, rette mich!”
Sofort streckte Jesus ihm die Hand entgegen und hielt ihn fest. Er sagte zu Petrus: “Du hast zu wenig Vertrauen.
Warum hast du gezweifelt?”
Dann stiegen sie ins Boot und der Wind legte sich. Und die Jünger im Boot warfen sich vor Jesus nieder und sagten: “Du bist wirklich der Sohn Gottes!”

Liebe Mitchristen,

heute hören wir von zwei Ereignissen auf dem Wasser, denn im Evangelium haben wir von der Sturmstillung Jesu erfahren. Zweimal erweist sich Jesus als Herr auch über Wind und Wellen. Die erste Begegnung endete mit der Frage der Jünger: „Wer ist der?“. Beim zweiten Ereignis kommt eine klare Aussage: „Du bist Gottes Sohn.“ Damit könnte diese Predigt schon zuende sein, denn sie haben verstanden.

Aber es sind doch zwei ganz unterschiedliche Geschichten, deshalb kann jetzt hier noch nicht Amen gesagt werden. Wir müssen etwas genauer hinsehen und vielleicht von einer ganz anderen Stelle aus anfangen, den Text für uns fruchtbar zu machen.

Wir sind in der 2. Hällfte des 1. Jhd.: die junge Kirche ist im Entstehen, erste Christen sind verstorben und damit die Zuversicht, dass JC ganz bald kommt; die ersten Christenverfolgungen haben grausam gewütet und es ist kein Racheengel vom Himmel gestiegen und hat die Christen beschützt; -die erste Euphorie der Glaubenden ist verflogen, so wie bei der Liebe die Schmetterlinge irgendwann den Bauch verlassen.

Verlassen, ja, so fühlen sich viele der jungen Christen in dieser Zeit. Sie erinnern sich an Jesu Auftrag: „Geht in alle Welt und erzählt von mir, und ich bin bei euch.“ Und jetzt fragen sie sich: „Wo ist er denn?“

Da haben sie sich sicher an diese Geschichte erinnert, die Matthäus deshalb auch aufschreibt, denn sie haben das Gefühl, es geht ihnen genauso, wie den Jüngern in diesem Boot. Sie sind geschickt von Jesus in alle Welt, genau wie die Jünger, die Jesus vorausschickt.

Und genau wie die Jünger gerät die junge Kirche in Not, dort sind es die Naturgewalten, hier sind es die Gewaltigen, die den Christen Gewalt antun. Und von Jesus keine Spur! So fangen die Jünger im wahrsten Sinn des Wortes an zu rudern, ohne etwas Sinnvolles zu erreichen. Die junge Kirche rudert auch und gerät ins Strudeln, manche wenden sich von ihr ab. Und mit JC rechnet offenbar keiner mehr, denn als er dann kommt, halten sie ihn für ein Gespenst.

1900 Jahre später – wir sind bei uns: Die Zahl der Christen nimmt ab; von Euphorie im Glauben ist bei mancher Freikirche etwas zu sehen, bei uns weniger; die Gottesdienstes sind schlecht besucht… Wer rechnet noch mit Jesus? Man hat den Eindruck, selbst die Kirchenoberen nicht, denn die rudern wie die Jünger im Boot, um die Kirche finanziell zu sichern. Aber wie die Jünger im Boot erreichen sie im Prinzip nichts, selbst steigende Kirchensteuerzahlen lassen sie nicht mit dem panischen Rudern aufhören! Das könnte ja, wie ein Gespenst, gleich wieder vorbei sein. Wer rechnet noch mit Jesus? Wer traut ihm noch etwas zu?

Aber unsere Geschichte zeigt: Er kommt, besser noch: Er ist da! Unerwartet, wie ein Gespenst ist er da an einer Stelle, wo man ihn nun überhaupt nicht erwarten würde: Mitten auf dem See, dem tobenden, da ist er!

Wie mag diese Erkenntnis für die junge Kirche gewirkt haben? Wie wirkt sie auf uns oder noch deutlicher gefragt: Bewirkt sie etwas?

Nein, bei den Jüngern löst seine Gegenwart erst einmal Panik aus. Zu all dem Unwetter kommen nun auch noch Geister, wahrscheinlich böse. Ob Jesu beschichtigende Worte geholfen haben oder in der Panik untergegangen sind? Vermutlich letzteres.

Doch da ist einer, der auffällt, Petrus. Er hört und lässt sich nicht mehr bange machen. Er antwortet besonnen und auch wieder nicht, sondern so, wie man ihn kennt. Er schießt wieder mal über das Ziel hinaus: „ Jesus, lass mich auch auf dem Wasser laufen!“ Und er darf es und er kann es!

Es bleibt bei der Frage: rechnen wir noch mit Jesus? Trauen wir ihm noch etwas zu? Wagen wir uns aus dem Boot, herunter von den eingetretenen Pfaden aufs Ungewisse, das tobende Wasser? Ob die Bildung von Gemeinderegionen jetzt panisches Rudern oder der Schritt heraus ist, ich kann und will es nicht beurteilen, das geht erst in der Rückschau, weil man Gott immer erst im Nachhinein versteht und oft genug erkennt. Aber ich denke, es wird deutlich: wir sind in einer ähnlichen Lage

Und in solch einer Lage, wo alles offenbar auf der Kippe steht, da sind Alleingänge nicht gefragt, nicht erwünscht, da müssen alle an einem Strang ziehen.

Aber was wäre gewesen, wenn Petrus sich daran gehalten hätte? Weiter panisches Rudern und ängstliches Schreien? Vielleicht sogar der Versuch, zu verhindern, dass das Gespenst zu nahe kommt? Also wegrudern von Jesus?

Es ist gut, das Petrus hier vorprescht, denn die Blicke der anderen werden ruhig. Sie sehen staunend, dass einer von ihnen auch auf dem Wasser unterwegs ist. Die Situation ist etwas entschärft und dann ist der Sturm ja auch gleich vorbei. Aber noch nicht. Erst einmal treibt das Boot weiter in wildem Gewässer, das zwar seinen Schrecken verloren hat, aber nicht seine Bedrohung.

Und Petrus geht entschlossen auf Jesus zu. Doch auch er sieht, dass der Sturm ja noch immer im Gange ist und er verliert sein Vertrauen. Er kann etwas, was keiner kann. Er hat sich in eine göttliche Sphäre gewagt, da kann er doch nur verlieren und das tut er dann auch, er geht unter. Fast, denn Jesus rettet ihn und sagt ihm mit anderen Worten: „Auch du rechnest nicht mehr wirklich mit mir.“

Liebe Gemeinde, ich denke in den Wirren der ersten Jahrzehnte der Kirche war diese Geschichte ganz wichtig, die zeigt, dass Jesus da ist, selbst wenn keiner ihn sieht, selbst wenn keiner mit ihm rechnet.

Liebe Gemeinde, für uns ist diese Geschichte genauso wichtig! Für uns und unsere Kirche.

Warten wir noch auf Jesus? Trauen wir ihm noch etwas zu? Oder sehen wir eher Gespenster, wenn er in unserem Leben auftaucht? Denn das tut er!

Als ich Vikar war, gerade meinen Diensttrabi bekommen hatte, ihn ohne Fahrpraxis tüchtig einfuhr, denn es war ein neuer Motor drin, der wollte gut eingefahren sein, da kam ich auf Kopfsteinpflaster mal gewaltig ins Schleudern. Es war echt brenzlig. Aber irgendwie bekam ich den Wagen doch wieder in die Spur, schnaufte durch und sagte meinem Beifahrer: „Schwein gehabt!“ Und der sagte: „Vielleicht ist Gott sei Dank eher angebracht!“ Recht hatte er und mir war das auch peinlich, bis heute. Deshalb, ertrauen wir auf Jesus! Rechnen wir mit ihm! Denn er hat es uns zugesagt: Alle Tage bis an der Welt Ende bin ich bei euch, ob im Sturm auf dem See oder in anderen Wirren. Und er hält sein Wort. Amen

Predigt vom 6. November 2016

Predigt zu Rö 14, 7-9 (vom 6. November 2016)

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist es unglaublich, was Paulus da tut, denn bei ihm sind Leben und Sterben direkt nebeneinander:

Keiner von uns lebt sich selbst und keiner stirbt sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören zu Jesus Christus.

Passt das denn wirklich zusammen? Für uns nicht, wir wollen das nicht hören, aber wenn wir ehrlich sind, dann ist das so: das Sterben beginnt mit der Geburt, denn ab da sterben Zellen in unserem Körper und neue entstehen, bis irgendwann das Zellensterben die Oberhand gewinnt.

Doch wie kommt Paulus auf diese Worte? Da sind wir wieder an der Stelle, die wir schon mehrfach in der Predigtreihe der letzten Wochen hatten: der Streit in der Gemeinde was man darf und was nicht: darf man Fleisch essen, das Götzen geopfert wurde?

Die Antwort von Paulus haben wir auch schon gehört: man darf, denn es gibt nur einen Gott, aber wenn jemand damit Probleme hat, dann soll man es aus Rücksicht auf diesen doch nicht tun.

Damit eigentlich alles klar, aber eben nicht. Wir wissen, aus Kleinigkeiten werden oft Riesenprobleme und die dann zu lösen, ist schwer. Deshalb schreibt Paulus jetzt diese Sätze: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören zu Jesus Christus.

Unser Leben ist durch Jesus Christus bestimmt. Auf ihn vertrauen und hoffen wir. Zu ihm gehören wir. Er hält unser Leben hier und das neue Leben in der Hand. Er kennt uns und weiß, was uns bewegt.

Das steht für Paulus fest und so lebt er. In diesem Glauben müssten alle Streitigkeiten beendet sein, denn es ist nicht mehr wichtig, sondern es ist nur noch wichtig, sein Leben sinnvoll zu leben, ohne Streit, im miteinander und füreinander, und voll Dankbarkeit. Ist es nicht eine Gnade, dass man es so gut hat, sich entscheiden zu können: Opferfleisch oder nicht? Für uns sieht diese Entscheidung viel bunter aus, weil wir es noch viel besser haben als die Menschen zu den Zeiten von Pauls, also: wie toll können wir leben!

Warum tun wir es nicht? Vielleicht sollten wir mehr erkennen und verstehen, wie reich unser Leben ist? Vielleicht sollte uns aber auch dieses Leben mit seinen Freuden und auch Sorgen uns nicht zu sehr gefangen nehmen, dass wir in der Lage sind, unseren Blick zu öffnen können für das, was Christus uns verheißen hat, für das, was uns erwartet.

Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben, wir gehören zu unsrem Herrn Jesus Christus.

Mit diesen Worten verbindet Paulusn ganz einfach was war und was wird. Aber eben auch das, was wir loslassen müssen, nicht festhalten, nicht greifen und nicht begreifen können. Oder noch deutlicher: das, was wir nicht fassen können!

Aber genau das ist doch tröstlich, zu wissen, da ist einer, der größer ist als unser Begreifen. Denn das sagt uns doch, befreiend und entlastend: Wir müssen nicht alles begreifen, nicht alles erklären und hinterfragen können, schon gar nicht selbst verstehen. Sondern wir können es Gott anvertrauen, ihm übertragen. So wie Paulus es getan hat. Dankbarannehmen, was einem täglich zuteil wird. Und darüber hinaus vertrauen auf das, was Christus uns verheißen hat, woran wir glauben, worauf wir vertrauen.

Paulus hat es getan und daraus frei gelebt. Machen wir es ihm nach: an der Hand Gottes und in der Hand Gottes hier und jetzt und ewiglich

Amen

Predigt unseres Pastor Andreas Werther zum Reformationstag 2016

Reformationstagspredigt zu Römerbrief  3, 21-24

Jetzt geht es los, das Jahr des Reformationsjubiläums. Vor 499 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht. Aus seiner Kritik am Ablass entwickelte er eine völlig neue Theologie mit der Kernaussage aus dem Predigttext des heutigen Tages, dass der Mensch nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben gerechtfertigt ist. Doch lesen wir den ganzen Text:

21 Aber jetzt ist Gottes Gerechtigkeit offenbar geworden, und zwar unabhängig vom Gesetz.
Das bezeugen das Gesetz und die Propheten.
22 Es ist der Glaube an Jesus Christus, der uns die Gerechtigkeit Gottes zugänglich macht. Der Weg zu ihr steht allen Glaubenden offen. Denn in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied:
23 Alle sind schuldig geworden, und alle haben die Herrlichkeit Gottes verloren.
24 Sie verdanken es also allein seiner Gnade, dass sie von Gott als gerecht angenommen werden. Er schenkt es ihnen aufgrund der Erlösung, die sie durch ihre Zugehörigkeit zu Christus Jesus erfahren haben.
25 Durch dessen Blut, das am Kreuz vergossen wurde, hat Gott ihn als Zeichen der endgültigen Versöhnung eingesetzt. Und durch den Glauben erhalten wir Anteil daran. So hat Gott seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt.
Lange hat er die Verfehlungen ungestraft gelassen, die früher begangen wurden.
26 Gott hat sie in Geduld ertragen. Doch jetzt, zu diesem besonderen Zeitpunkt, will er beweisen, dass er wirklich gerecht ist. Ja, er ist gerecht. Und er nimmt diejenigen als gerecht an, die aus dem Glauben an Jesus leben.
27 Gibt es da noch irgendeinen Grund, auf etwas stolz zu sein? Ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Etwa durch das der eigenen Taten? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens!
28 Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens als gerecht gilt unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt.

Um diese Worte so zu verstehen, wie Luther und seine Zeitgenossen sie verstanden haben, sollten wir die Worte hören, wie sie Menschen im Gefängnis hören: Da ist Gesetz das, was sie unfrei macht, mit dem sie nicht klarkommen; Recht ist das, was sie hinter Gitter gebracht hat; Gnade kennen sie keine, Befreiung und Erlösung wäre aus dem Gefängnis herauszukommen.

Und Rechtfertigung? Die haben sie für sich selbst, sie sind der Meinung, dass es genug Gründe gab, etwas Ungesetzliches zu tun, vor sich selbst sind sie gerechtfertigt.

Genauso ging es damals auch Luther, abgesehen von der eigenen Rechtfertigung. Er wusste sich durch einen ungnädigen Gott bedroht und unfrei gemacht. Er wusste sich durch ein strenges Gesetz – selbst die 10 Gebote hält ja keiner von uns ein – gefangen und erniedrigt, weil er sah, dass er das Gesetz immer wieder brach.

An dieser Erkenntnis zerbrach er fast selbst, quälte sich selbst, um Gott davon abzubringen, ihn zu bestrafen.

Gott und die Kirche waren für ihn und die Menschen damals keine Hilfe, sondern Bedrohung. Machen wir uns nichts vor, das wurde auch ganz bewusst eingesetzt, um die Menschen gefügig und friedlich zu machen und Geld aus ihnen herauszuholen.

Und dann entdeckt er unseren Predigttext, den er sicher schon lange kannte, aber mit dem er sich intensiv beschäftigen musste, weil er darüber Vorlesung zu halten hatte. Und plötzlich liest er da: Allein durch den Glauben werden wir gerecht, weil Jesus Christus das Gesetz für uns erfüllt hat.

Was für eine Erkenntnis! Eine Befreiung, die ihm die Augen öffnete, dass Kirche da falsch handelt. Eine Erkenntnis, die ihm ein ganz neues Bild von Gott zeigte: nicht den bedrohlichen, den strafenden Gott, sondern den liebenden, den sich für uns Menschen selbst hingebenden Gott.

Das war schon eine Revolution im Glauben, die Luther da entdeckte und zur Reformation machte, also das Wort Gottes wieder in die richtige Form brachte.

Aber hat das alles noch mit uns zu tun? Natürlich, denn aus dieser Erkenntnis heraus leben wir noch heute. trotzdem finde ich es erstaunlich, wie hoch Reformationsjubiläum angehängt wird: ein ganzes Jubeljahr!

Wir müssen bei unserem Feiern aber zwei Dinge unbedingt beachten: Erstens bedeutet Glauben in diesem Zusammenhang nicht nur darauf vertrauen, dass Christus mich gerecht spricht, sondern es zu leben. Also wenn ich weiß, da ist einer, der mich annimmt, wie ich bin, dann sollte, nein, dann muss ich mich auch darum bemühen, ihm zu zeigen, dass ich es wert bin, indem ich meinen Glauben lebe, in Liebe lebe, vergebe, wie er es tut, anderen helfe, wie er es tat und an mir tut!

Es wird uns Lutheranern oft nachgesagt, wir bräuchten nichts zu tun, und den Katholiken sie lebten eine Werkgerechtigkeit. Beides ist falsch, denn richtig ist: Wer sich befreit weiß und angenommen, der handelt so, dass gute Werke dabei herauskommen. Luther hat es nur umgedreht: vorher versuchte er mit guten Werken Gott gnädig zu stimmen, jetzt weiß er, Gott ist gnädig, darum kann ich es auch sein und Gutes tun.

Und das zweite, was wir beachten müssen, ist, dass Reformation nichts war, was vor 500 Jahren geschah, sondern etwas, was weitergeht. Dieser Feiertag und dieses ganze Jubeljahr darf nicht ein stolzes Erinnern sein, sondern ein Nachdenken, was muss sich heute ändern? Und da gibt es genug, was zu ändern wäre! Eine Kirche, die bei Luther stehengeblieben ist, ist keine reformatorische Kirche mehr!

Ich hoffe und wünsche mir, dass dies Jahr, vor dem mir auch ein wenig graut, ein gutes wird. Eins, dass unserer Kirche und allen Kirchen aller Konfessionen hilft, sie zusammenbringt, sie näher zu Gott bringt, uns Gott näher bringt.

Warum graut mir vor diesem Jahr? Ganz einfach: Es ist jetzt schon so, dass Luther manchmal in einer Weise genutzt wird, die er nicht gewollt hätte. Kommt man in Wittenberg in die Schlosskirche, dann stehen da vorn neben dem Altar überlebensgroß Luther und Melanchthon. Aber den Kult um die Heiligen hatte Luther abgeschafft und nun wird er selbst wie ein Heiliger verehrt! mMge das nicht noch schlimmer werden, die kommenden 12 Monate!

Luther war auch nur ein Mensch und er hat ganz viele und schwere Fehler gemacht: sein Einstellung den Juden gegenüber oder auch zum Bauernkrieg sind zu hinterfragen und klar zu benennen. Und sie dürfen nicht abgetan werden mit der Bemerkung: Er war eben ein Kind seiner Zeit. Nein, wenn wir ihn heute noch verehren, dann ist er auch ein Kind unserer Zeit und auch kritisch zu betrachten.

Das Grundproblem aller Reformen und Reformatiosvsersuche heutzutage ist: Ich erwarte, dass sich die Umstände ändern, dass die anderen sich ändern. Wenn ich aber wirklich etwas ändern will, dann muss ich bei mir selber anfangen und darf nicht von den anderen erwarten, wozu ich selbst nicht bereit bin oder wozu mir der Mut fehlt.

So wünsche ich mir, unserer Kirche, uns allen, dass das nicht vergessen wird, dass wir nicht feiern und uns erinnern, sondern uns verändern. Denn das ist wirklich Reformation und das wird gebraucht Amen